Donnerstag, 22. Mai 2008 / 13:11 Uhr
Moskau - Selbst im Moskauer Regen waren Michael Ballacks Tränen nicht zu übersehen. Bereits zum vierten Mal in seiner Karriere fehlte dem herausragenden Spieler des FC Chelsea im Champions-League-Finale gegen Manchester United ein kleines Stück zu seinem ersten internationalen Titel.
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Der Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft wird nach der schmerzhaften 5:6 (1:1, 1:1)-Niederlage im Elfmeterschießen mit einem weiteren Finaltrauma zu seinen Kollegen in Mallorca stoßen. Selbst die Komplimente von Bundestrainer Joachim Löw («starke Leistung») und Manager Oliver Bierhoff («Super-Spiel») wirkten wenig tröstend. Die wichtigste deutsche Führungskraft muss gut zwei Wochen vor der EM psychologisch aufgebaut werden.
«Er wird schon zwei, drei Tage daran zu knabbern haben, die Enttäuschung ist natürlich groß. Aber jetzt gibt es ein neues Ziel für ihn», sagte Löw im DFB-Trainingslager der Deutschen Presse- Agentur dpa. Der Bundestrainer wollte sich bei Ballack melden, um zu erfahren, «ob alles okay ist».
Zu allem Ergebnis- und Erlebnisfrust musste Ballack nach seiner zweiten Final-Pleite in der europäischen Königsklasse auch noch zum Dopingtest. Um 3.34 Uhr morgens Moskauer Zeit verließ er wortlos das leere Luschniki-Stadion - isoliert, konsterniert, ratlos. «Es ist die goldene Gelegenheit, mit den Versäumnissen der Vergangenheit fertig zu werden», hatte Ballack noch vor der knapp dreistündigen Gänsehaut-Gala erklärt.
Sein erneutes Unheil begann, als Cristiano Ronaldo (26.) Englands anfänglich überlegenen Meister 1:0 in Führung köpfte und mit seinem achten Treffer gleichzeitig zum Toptorjäger von Europas Glamour-Liga wurde. Erst Frank Lampards Glückstor zum 1:1 (45.) leitete die Steigerung der bis dahin harmlosen «Blues» ein. Angetrieben vom starken Ballack, lief Chelsea im ersten Champions-League-Endspiel der Vereinsgeschichte nach der Pause heiß. Didier Drogbas Pfostenschuss (77.) und Lampards Lattenkracher (93.) waren die aufregendsten Sehenswürdigkeiten vor dem Elfmeterkrimi, den Drogba nach einer Roten Karte (115.) nur als Zuschauer erlebte - und damit den Abschied von Trainer Avram Grant wohl besiegelte.
Ballack übernahm als erster Chelsea-Profi Verantwortung und verwandelte sicher. Als Cristiano Ronaldo am überragenden Torhüter Petr Cech scheiterte, hatte Chelsea-Kapitän John Terry beim fünften Elfmeter die Erlösung auf dem Fuß - rutschte aus und verschoss. «Da wusste ich, wir würden siegen, aber ganz ehrlich, davor hätte ich Ronaldo am liebsten geschüttelt», gestand ManU-Routinier Ryan Giggs, der mit seinem 759. Profi-Einsatz für United den Vereinsrekord des legendären Sir Bobby Charlton brach. «Es tut so weh, aber niemand wird John einen Vorwurf machen. Er ist Mister Chelsea», sagte Lampard, «ich bin emotional total am Ende.»
Terrys Fauxpas wurde zum Déjà vu für Ballack: So nah dran und doch so weit weg. Die Glanztat von ManU-Keeper Edwin van der Sar beim finalen Schuss des Franzosen Nicolas Anelka bescherte Manchester den dritten erfolgreichen Sturm auf Europas Gipfel nach 1968 und 1999 - und Ballack einen emotionalen Tiefschlag. Sein Titeltraum war plötzlich wieder einmal zerstört.
Das erneute Scheitern ist mehr als nur eine kurze Bildstörung in seiner 13-jährigen Profi-Karriere - unglücklich verloren im Champions-League-Finale 2002 mit Bayer Leverkusen (1:2 gegen Real Madrid), im WM-Endspiel 2002 durch eine Gelbsperre zum Zuschauen verdammt, im WM-Halbfinale 2006 gegen Italien rausgeflogen und jetzt titellos in Moskau. Dem 31-Jährigen läuft langsam die Zeit davon, seine Laufbahn mit einer internationalen Trophäe zu veredeln. Ballack nur als «ewigen Zweiten» abzustempeln, wäre allerdings so weit von der Realität entfernt wie die Befürchtung, das erste rein-englische Champions-League-Finale würde zu einem öden Geduldsspiel werden.
«Ich dachte, wir würden verlieren. Ich schieße ein Tor und vergebe den Elfmeter, das ist der schlimmste Tag meines Lebens», analysierte Cristiano Ronaldo scherzhaft. Zu diesem Zeitpunkt saß Ballack immer noch bei der Dopingprobe. Terry und Lampard heulten hemmungslos. «Ich glaube an Schicksal. Der 50. Gedenktag des Flugzeugunglücks war für uns wie eine Bestimmung», sagte ManU-Coach Alex Ferguson in Anlehnung an das Flugzeugunglück 1958, als acht ManU-Spieler ums Leben gekommen waren, «und mit einer Bestimmung ist man nur sehr schwer zu schlagen.»
Auf den glücklichen «Pechvogel» Cristiano Ronaldo angesprochen, antwortete der 66-Jährige Trainer-Dino mit der Weisheit: «Ich freue mich für ihn. Der Junge ist gut und wird noch besser», so «Fergie», «manchmal sind Tiefschläge die beste Motivation.» So ein Ratschlag hätte dem deutschen «Junior Kaiser» (Daily Telegraph) in seinem Schmerzzustand vermutlich auch wenig geholfen. Ballack ist wieder einmal auf der Suche nach einem guten Gefühl.
dpa
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