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Titel-Countdown geht weiter: EM als «Ansporn»

Wien - Nach dem Final-Absturz gegen den würdigen Fußball- Europameister Spanien erfasste Bergführer Joachim Löw und seine kurz vor dem Ziel gestoppten Gipfelstürmer eine große Leere, aber in die Nacht des Schmerzes mischte sich bereits der Anflug einer Jetzt-Erst-Recht-Haltung.

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«Die WM-Qualifikation werden wir schon auch packen. Und sollten die Spanier noch mal kommen in einem Turnier, dann werden wir sie schlagen», rief Bundestrainer Joachim Löw am Montag den Zehntausenden schwarz-rot-goldenen Anhängern in Berlin zu.

Trost II

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Bundestrainer Löw (l) legt Hand an den dahingestreckten Schweinsteiger.

Nur 16 Stunden nach dem 0:1, dessen Frust Michael Ballack & Co. bis zum Morgengrauen in einem Wiener Szene-Club bekämpft hatten, präsentierte sich das Team auch ohne den EM-Pokal vorm Brandenburger Tor. «Ohne die Fans hätten wir es nicht geschafft», sagte Michael Ballack bei seinem Dank an die kreischenden Teenies. Eine Gänsehaut- Atmosphäre wie nach dem Sommermärchen 2006 kam bei der Jubel-Kopie nicht auf. Am Ende präsentierte die Mannschaft ein Transparent, mit dem sie dem gesamten deutschen Volk für die Welle der Unterstützung dankte: «82 Millionen + 23 = ein Team», stand auf dem Banner.

Der Titel-Countdown geht weiter. «Wir haben eine sehr junge Mannschaft, die jetzt schon einmal Dritter geworden ist und einmal Zweiter. Demzufolge müsste nun etwas anderes kommen», verkündete Bastian Schweinsteiger mit dem Blick auf die Weltmeisterschaft 2010.

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Auch die obersten Repräsentanten des Landes suchten Zuflucht in der nahen Zukunft. Bundeskanzlerin Angela Merkel legte dem beim Griff nach dem «Pott» schon wieder gescheiterten Kapitän Ballack bei der Siegerehrung mitfühlend die Hand auf die Schulter: «Ich habe zu ihm gesagt, dass wir noch ein bisschen warten müssen, bis wir ganz doll zusammen feiern können, aber dass wir uns langsam hocharbeiten.» Auf einen Besuch in der Kabine wie nach dem verlorenen WM-Halbfinale 2006 gegen Italien verzichtete die Kanzlerin ebenso wie Bundespräsident Horst Köhler, der gleichfalls ein Happy-End in zwei Jahren beschwor: «Diese Mannschaft hat alle Möglichkeiten, noch mehr zu erreichen. Spätestens bei der WM 2010 in Südafrika.»

Beim «Alpen-Cup» war das Finale das Optimum - mehr wäre mit einer Wackelabwehr, einem aus der Not geborenen Systemwechsel und der Abkehr vom herzerfrischenden Offensiv-Fußball Klinsmannscher Prägung des Guten zu viel gewesen. Den verdienten Erfolg der Spanier zweifelte keiner an, das technisch brillante Team von Trainer-Senior Luis Aragonés (69) spielte in Österreich und der Schweiz in einer eigenen Liga. Der neue Europameister siegte überlegener, als es das knappe Resultat nach dem goldenen Tor von Fernando Torres (33.) ausdrückte. «Wir müssen ihre hohe Qualität anerkennen. Die Spanier haben bei diesem Turnier einfach permanent auf einem hohen Niveau gespielt. Deshalb sind sie verdient Europameister», sagte Löw.

Eine detaillierte Turnier-Analyse wird der Bundestrainer erst in den kommenden Tagen und Wochen vornehmen. «Stolz» auf das Erreichte äußerte er gleich am Endspielabend: «Wenn man die WM nimmt, die EM- Qualifikation und jetzt dieses Turnier, dann sind wir in Europa schon ganz weit vorne. Die Mannschaft hat enorm dazugelernt und sich enorm entwickelt. Da sind wir schon in der Spitze der Welt und in Europa», resümierte Löw eine Spur zu euphorisch. Aber auch er mahnt, sich nicht zurückzulehnen: «Wir dürfen diese Energie und Kraft nicht verlieren, weiter an manchen Dingen zu arbeiten und zu feilen.»

Auch wenn der Torres-Treffer wie ein «Genickbruch» (Metzelder) wirkte und «einer Aneinanderkettung von Fehlern» (Lahm) entsprang - es fehlte vor 51 424 Zuschauern im Stadion und 28 Millionen Zuschauern vor den deutschen TV-Schirmen noch mehr zum großen Wurf. Leidenschaft und Herzblut kamen erst nach dem Sprengen der taktischen Fesseln und der späten Flucht nach vorne ins deutsche Spiel. «Wir mussten uns durchkämpfen und durchbeißen. Wir haben nie den Schwung kreieren können wie 2006», gestand Christoph Metzelder.

Der tragische Anführer Ballack, dessen Frust sich nach dem Empfang der Silbermedaille in einem heftigen Disput mit Teammanager Oliver Bierhoff über die Verabschiedung in der deutschen Fankurve entlud, wollte nur noch weg nach einem Saisonendspurt mit drei weiteren zweiten Plätzen mit Chelsea (Meisterschaft, Champions League) und dem Nationalteam (EM): «Jetzt sind wir erstmal enttäuscht, fahren in den Urlaub und konzentrieren uns dann auf nächstes Jahr», sagte der 31- Jährige, der mit einem Cut am Auge gezeichnet war wie ein Boxer. 150 000 Euro Rekord-Prämie nimmt jeder Spieler mit in die Ferien, 19 Millionen Euro kassiert der deutsche Verband von der UEFA.

Veränderungen kündigen sich an, auch wenn Jens Lehmann seinen Abschied aufschob. «Möglich ist alles. Ich bin noch zu keinem Abschluss gekommen», sagte der 38 Jahre alte Schlussmann am Montag. Eine WM-Perspektive wird ihm aber selbst im innersten DFB-Zirkel nicht attestiert. Statt übertriebener Symbolik, angefangen bei der Kader-Nominierung auf der Zugspitze bis zum Aufstellen einer Pokal- Nachbildung im EM-Quartier, ist eine Besinnung auf den Fußball angeraten. Der neue Trendsetter ist auch für Löw der Europameister. Direktspiel mit hoher Geschwindigkeit und auf höchstem technischen Niveau sei die Zukunft: «Die Spanier haben gezeigt, dass sie das sehr gut beherrschen.»

dpa

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