Sonntag, 27. Juli 2008 / 11:18 Uhr
München - Jürgen Klinsmann sieht im Gegensatz zur Clubführung des FC Bayern München keinen Wettbewerbsnachteil des deutschen Fußball-Rekordmeisters im internationalen Vergleich durch geringere TV-Einnahmen.
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«Ich akzeptiere das Argument der finanziellen Diskrepanz zu den Großen nicht», sagte Klinsmann in einem Interview mit der «Süddeutschen Zeitung». «Die Top-15-Vereine in Europa sind alle mit lauter Nationalspielern bestückt. Und letztlich ist die Atmosphäre, ist die Arbeitsphilosophie, die ein Verein entwickelt, wichtiger als ein Hundert-Millionen-Transfer. Inter Mailand hat in den letzten zehn Jahren immer fünfzig bis hundert Millionen in neue Spieler investiert - trotzdem hat die Chemie nie richtig gepasst.»
Jürgen Klinsmann posiert beim offiziellen Fototermin des FC Bayern München für ein Einzelfoto.
Nach der Ablehnung der geplanten Vermarktung der Fußball-Bundesliga durch das Bundeskartellamt hatte Bayerns Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge zum wiederholten Male auf den Wettbewerbsnachteil deutscher Teams in der Champions League wegen geringerer Fernsehgelder hingewiesen. Trainer Klinsmann sieht den FC Bayern München dagegen «keineswegs in einer zweiten Kategorie. Es können noch so viele Milliardäre kommen, ob aus Russland oder Amerika - egal! Wenn ich mit einem Topkader arbeiten kann - und das können wir bei den Bayern auch ohne 50-Millionen-Einkäufe -, dann gibt es genug Chancen, diesen Kader kontinuierlich zu entwickeln», betonte der neue Bayern-Coach.
In einem neuen Leistungszentrum arbeitet Klinsmann an der Weiterentwicklung des Kaders, der vor der neuen Saison nur mit dem Bremer Tim Borowski und Ersatztorwart Jörg Butt verstärkt wurde. «Mein Job ist es, meine Leute so zu verbessern, dass wir auch mit finanzstarken Clubs wie Chelsea oder Milan konkurrieren können. Im WM-Halbfinale gegen Italien hatten wir in der 89. Minute einen Freistoß in der Nähe des Sechzehners. Hätte da einer gesagt: Den lupfe ich über die Mauer - bumm, wären wir im Endspiel gewesen. In solchen Momenten spielen Budgets keine Rolle, sonst hätte Chelsea seit Jahren alle Titel abgeräumt», erklärte der 43-Jährige.
Wie sein Vorgänger Ottmar Hitzfeld will Klinsmann auch an einem System mit zwei Spitzen festhalten, wenngleich der Trend in der europäischen Spitze zum Spiel mit einem Angreifer geht. «Der Champions-League-Trend zu 4-5-1-Systemen wurde bei der EM jetzt fast komplett übernommen. Diesen Trend teile ich allerdings nicht. Ich habe keine Lust, von unseren drei Topstürmern Toni, Klose, Podolski zwei auf die Bank zu setzen», erklärte der frühere Stürmer und sorgt sich auch um den Verschleiß der Offensiv-Spieler. «Außerdem will ich Torres oder Drogba, den armen Kerl, mal in drei, vier Jahren sehen, wenn die sich vorne dauernd allein aufreiben müssen.»
Wie zu seinen Zeiten als Bundestrainer will Klinsmann für die Persönlichkeitsentwicklung seiner Bayern-Profis auch «externe Leute hinzuholen, die über Spielerberatung reden, über Finanzfragen und vieles mehr. Das Resultat vieler kleiner Maßnahmen wird erfolgreicher Fußball sein. Davon bin ich überzeugt», sagte der 108-malige Nationalspieler.
Dem verlorenen EM-Finale der DFB-Elf gegen Spanien konnte Klinsmann etwas Positives für die Entwicklung seiner Nationalspieler abgewinnen. «Wären wir Europameister geworden, wäre es noch schwieriger geworden, die Spieler einzufangen, weil ihr Umfeld mittlerweile oft so komplex und so irreal ist, dass nur noch die Außenwelt den Spieler beeinflusst», schilderte der Bayern-Coach. «Das Fatale am Fußballerberuf ist: Es gibt keine Ausbildung dafür. Ein Spieler wird mit 18 Profi, aber keiner erklärt ihm : Wie gehe ich mit Medien um, mit Sponsoren? Wie lege ich Geld auf die Seite? Wie beurteile ich falsche Freunde und Schulterklopfer?»
dpa
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