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Das «Wunder von Bern»: «Herzblut für Deutschland»

Hamburg - Es regnet in Strömen an jenem 4. Juli 1954, als die Mannschaften den Rasen des Wankdorf-Stadions in Bern betreten. «Dem Fritz sei Wedder», weiß Sepp Herberger und der Fußball-Weise behält auch diesmal Recht.

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Denn nicht Major Ferenc Puskas und seine als unschlagbar geltenden Ungarn werden im WM-Endspiel zu Helden, sondern die Außenseiter mit dem Adler auf der Brust. Fritz Walter vom 1. FC Kaiserslautern, der es mag, wenn der Rasen nass und der Ball schwer ist, führt im Mittelfeld Regie, Helmut Rahn trifft zum 3:2 und macht das «Wunder von Bern» perfekt. Eine Legende ist geboren, die junge Republik stürzt in einen kollektiven Freudentaumel. Kein Ereignis hat die Menschen im Nachkriegs-Deutschland bisher so bewegt und euphorisiert wie der erstmalige Gewinn der Weltmeisterschaft.

Die Sieger

Foto: dpa Bild vergrößern

Kapitän Fritz Walter (m) und Trainer Sepp Herberger (r) werden von begeisterten Fans auf Schultern getragen.

«Beim Schlusspfiff wussten wir, dass wir Weltmeister sind. Aber was das für die Leute zu Hause bedeutet, haben wir erst gemerkt, als wir wieder deutschen Boden betreten haben. Es war ein toller Empfang», erinnert sich Horst Eckel, neben Otmar Walter und Hans Schäfer einer von drei noch lebenden Spielern aus der siegreichen Elf, im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa. Der damals 22 Jahre alte rechte Läufer, wegen seiner Schnelligkeit auf dem Platz «Windhund» genannt, kann es kaum glauben, was er erlebt. Hunderttausende säumen die Gleise und Straßen, als die Weltmeister wie im Triumphzug in die Heimat zurückkehren. Ein Moment des Stolzes in einer ansonsten freudlosen Zeit. Bundespräsident Theodor Heuß und Kanzler Konrad Adenauer - sonst wenig Sport-affin - gratulieren.

Vom Endspiel, geschweige denn vom Titel wagen Bundestrainer Herberger und seine 22 Auserwählten beim Aufbruch ins Nachbarland drei Wochen zuvor nicht einmal zu träumen. «Wir sind in die Schweiz gefahren, um gut auszusehen und um mit Herzblut für Deutschland zu spielen. Wir haben gesagt, wir versuchen alles, wir schauen, wie weit wir kommen», bekennt der 77-jährige Eckel ohne jegliche Untertreibung. Und der Start ins Turnier verläuft durchaus holprig. Trotz eines 3:8-Debakel gegen Ungarn, das Herberger in der Heimat heftige Kritik wegen seiner Mannschaftsaufstellung einträgt, übersteht Deutschland die Vorrunde, quält sich im Viertelfinale zu einem 2:0 gegen Jugoslawien und erfährt erst nach dem 6:1 im Halbfinale gegen Österreich erstmals auch international Anerkennung.

Doch im Endspiel gegen die seit drei Jahren ungeschlagenen Fußball-Künstler aus Budapest gibt niemand auch nur einen Pfifferling auf die deutsche Mannschaft. Und als es im Wankdorf-Stadion nach nur acht Minuten durch Tore von Puskas und Zoltan Czibor 0:2 steht, sehen sich Pessimisten in ihren schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Aber diesmal hat Herberger keine B-Elf auf den Rasen geschickt wie 14 Tage zuvor in Basel, sondern eine Mannschaft, die bereit ist, die Ärmel hochzukrempeln. Der Lauterer Eckel hat vom «Chef» die Sonderaufgabe erhalten, Ungarns Top-Stürmer Nandor Hidegkuti an die Kette zu legen, und erfüllt diese Rolle mit Bravour - ein Schlüssel zum Sieg. «Man kann Herbergers Anteil am Erfolg nicht in Prozenten ausdrücken, aber er hat schon sehr viel dafür getan», resümiert Eckel.

Im Dauerregen von Bern stemmt sich Deutschland mit Erfolg gegen eine erneute Klatsche: In der 11. Minute gelingt Max Morlock das 1:2, wenig später schafft Rahn (18.) den Ausgleich. Das Spiel wogt hin und her, bis die ominöse 84. Spielminute anbricht und sich die Stimme von Rundfunkreporter Herbert Zimmermann zu überschlagen beginnt: «...Bozsik, immer wieder Bozsik, der rechte Läufer der Ungarn am Ball. Er hat den Ball - verloren diesmal gegen Schäfer ... Schäfer nach innen geflankt. Kopfball - abgewehrt. Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen - Rahn schießt ... Tor, Tor, Tor, Tor!!!!»

Nach diesem 3:2 sind noch bange Augenblicke zu überstehen. Zimmermann, dessen pathetische Stimme das WM-Finale zum ersten Mediengroßereignis in Deutschland macht, erhebt Torhüter Toni Turek nach einer Rettungstat gar zum «Fußball-Gott», dann ist es geschafft. Herberger und Kapitän Fritz Walter werden auf Schultern durchs Stadion getragen, auf deutschen Straßen und in Kneipen liegen sich wildfremde Menschen freudetrunken in den Armen. Manche Träne fließt.

Versilbern können die Spieler den größten Tag ihrer Fußball- Karriere nicht. «Für den WM-Titel gab es 1000 Mark für jeden, dazu pro Spiel noch einmal 200 Mark», erinnert sich Eckel. Weil er als einziger neben Fritz Walter alle sechs Turnierspiele bestritten hat, werden 2200 Mark aufs Konto überwiesen. Dazu gibt es von Sponsoren einen Motorroller, ein Fernsehgerät und eine Polstergarnitur - so sind die Zeiten. Als Vertragsspieler in der Oberliga Südwest verdient Eckel immerhin schon 320 Mark im Monat. Ein Angebot, nach England zu wechseln, schlägt der bodenständige Pfälzer Mitte der 50er Jahre aus. «Da hätte ich nicht mehr nach Deutschland zurückzukommen brauchen.»

Neidisch auf seine sportlichen Nachfahren, die heute vor großen Turnieren regelmäßig um Prämien in sechsstelliger Höhe feilschen, ist der gelernte Werkzeugmacher nicht. «Es ist schön, wenn man viel Geld hat. Aber zufrieden und gesund zu sein, kann man nicht mit Geld bezahlen», betont Eckel, der nach dem Karriereende der Walter-Brüder den Betzenberg verlässt und seine Laufbahn Mitte der 60er Jahre beim zweitklassigen SV Röchling Völklingen beschließt. Es habe ein gutes Angebot gegeben. «Das war beruflich bedingt. Und man will ja auch Sicherheit haben», sagt er. So ist Eckel 1963 beim Start der Bundesliga, in der mit Rahn, Morlock und Schäfer noch drei der «Helden von Bern» am Ball sind, nicht dabei, obwohl er mit 31 eigentlich im besten Spieler-Alter ist.

Den heutigen Fußball verfolgt der in Vogelbach vor den Toren Kaiserslauterns lebende Eckel intensiv. «Das Spiel ist schneller geworden, athletischer, weil mehr trainiert wird. Wir haben früher zweimal pro Woche trainiert, heute geschieht das zweimal am Tag. Ich würde heute gerne spielen, weil das Spiel auf mich als Läufer zugeschnitten wäre», sagt der Mann, der in seiner besten Zeit die 100 Meter in elf Sekunden schaffte. Auch heute tritt er noch gerne vor das runde Leder. «Ich spiele Fußball in einer Lotto-Mannschaft. Wir spielen Geld für kranke Menschen ein. Das macht unheimlich Spaß.»

Wann immer es die Zeit erlaubt, verfolgt er die Heimspiele seiner «Roten Teufel» auf der Tribüne des Fritz-Walter-Stadions. Denn der FCK, mit dem er 1951 und 1953 deutscher Meister geworden ist, ist ihm noch immer ans Herz gewachsen. Umso mehr schmerzt es ihn, dass sein Club seit drei Jahren in der Zweitklassigkeit schmachtet. «Es wäre zu früh gewesen, wenn sie dieses Jahr aufgestiegen wären», meint Horst Eckel. Wenn die Sprache auf «seinen» FCK kommt, schwingt noch immer Herzblut mit. Vom Fußball wird er nie lassen können.

dpa

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