Freitag, 3. Juli 2009 / 20:17 Uhr
Düsseldorf - Die Branche der Spielerberater ist ins Zwielicht geraten. UEFA-Präsident Michel Platini beklagte unlängst «Kinderhandel» und «sportliche Zuhälterei». Die Vereine verurteilen zwar öffentlich die Abzockermentalität der Vermittler, sitzen aber im selben Boot.
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Nationale und internationale Fußball-Verbände bekommen den Wildwuchs der wegen der explodierenden Honorare in Verruf geratenen Szene nicht in den Griff. Und innerhalb der Branche ist man angesichts des zunehmenden Konkurrenzdrucks und der öffentlichen Anklagen zerstritten.
Holger Hieronymus spricht am 2. Juli in der DFL-Zentrale in Frankfurt am Main zu den Medien.
«Die Branche genießt einen schlechten Ruf, und das ist auch richtig so», erklärt Jörg Neubauer. Wie Roger Wittmann mit seiner Firma «Rogon» und der von Lars-Wilhelm Baumgarten geführten Agentur «Stars & Friends» gehört Neubauer zu den größten, einflussreichsten und als seriös geltenden Spielerberatern in Deutschland.
Baumgarten ist lizenzierter Spielerberater und Schatzmeister der 2007 gegründeten Deutschen Fußballspieler-Vermittler-Vereinigung (DFVV). Er und seine 52 Kollegen bei «Stars & Friends» agieren europaweit. Baumgarten sagt den zwielichtigen Gestalten der Branche den Kampf an. «Es gibt zu viele schwarze Schafe, ganz klar», betonte er im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur dpa. «Es gibt Leute, die sind nur auf das schnelle Geld aus. Denen muss man das Handwerk legen. Wir haben die DFVV gegründet, um von dem Hinterstübchen-Image wegzukommen.» Als Rechtsanwalt braucht Neubauer keine Agenten-Lizenz des Weltverbands FIFA, der in seinen Statuten seit dem 1. Januar 2008 verbindliche Regelungen für die Berater- und Vermittlertätigkeit verankert hat.
Laut Holger Hieronymus, dem stellvertretenden Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga (DFL), müssen die FIFA-Vorgaben bis zum 31. Dezember 2009 von den Mitgliedsverbänden umgesetzt werden. «Wir arbeiten derzeit mit dem DFB und der DFVV an Inhalten, um hier klare Regelungen zu schaffen. Das ist auch dringend erforderlich, weil es so nicht weiter gehen kann», sagte Hieronymus der dpa. «Im Moment ist es fast unmöglich, unseriösen und nicht-lizenzierten Beratern auf die Schliche zu kommen. Wir beschäftigen ja keine Detektive», erläuterte Hieronymus: «Manchmal ist den Clubs ein Transfer wichtiger als die Lizenz des Spielerberaters.»
Der DFL und dem Deutschem Fußball-Bund (DFB) sind die in die Höhe geschossenen Honorare, vor allem der unseriösen Berater ohne Lizenz, schon lange ein Dorn im Auge. Ligaverbands-Präsident Reinhard Rauball sorgte vor wenigen Tagen für Aufsehen, als er dem «Hamburger Abendblatt» konkrete Zahlen nannte. Die 36 Bundesligisten der 1. und 2. Liga, die in der Vorsaison rund 171 Millionen Euro an Transfersummen aufbrachten, gaben demnach zusätzlich 58,8 Millionen für Berater aus. «Das Verhältnis zwischen Provisionen und Ablösesummen empfinde ich als grotesk», geißelte der Jurist die «Entwicklung in die völlig falsche Richtung».
Seit dem Bosman-Urteil sind nicht nur die Profi-Gehälter enorm gestiegen, sondern mit ihnen auch die Berater-Honorare. Das liegt daran, dass die Berater einen frei verhandelbaren Prozentsatz des Jahresgehaltes ihrer Schützlinge von den Clubs kassieren. So konnte sich eine Schattenwirtschaft entwickeln, die nicht nur nach Rauballs Ansicht dem Geldkreislauf immer höhere Beträge entzieht.
Der «kicker», der dem Unwesen derzeit eine Artikel-Serie widmet, sowie mehrere große Zeitungen berichteten zuletzt von einigen bedenklichen Fällen. So soll Neubauer allein für die Beratung der drei Hertha-Profis Arne Friedrich, Patrick Ebert und Marc Stein in den vergangenen drei Jahren 1,09 Millionen Euro verdient haben, alles vom Hauptstadtclub bezahlt. Im Gespräch mit der dpa mochte Neubauer die Summen nicht kommentieren. «Darüber spreche ich nicht», sagte Neubauer, der insgesamt 50 Spieler unter seinen Fittichen hat.
Das «Abendblatt» förderte zutage, dass Berater Rodger Linse beim Transfer von Nigel de Jong vom HSV zu Manchester City kräftig abkassierte. Von der Ablösesumme von 18 Millionen Euro - zahlbar in drei Raten - sollen nur 15 Millionen an den HSV fließen, drei Millionen stecke sich Linse ein. Von dem Deal profitieren alle, weil de Jong 2010 für die festgeschriebene Summe von 10 Millionen Euro hätte wechseln können. «Der Transfer war ein Ausnahmefall. Denn wir hätten ohne Beteiligung des Beraters deutlich weniger verdient», sagte HSV-Aufsichtsratschef Horst Becker.
Laut Baumgarten sind Beteiligungen an Ablösesummen «eher die Ausnahme». «Üblicherweise bekommen Berater als Provision einen frei verhandelbaren Prozentsatz vom Jahresgehalt des Spielers. Das Honorar wird vom Verein bezahlt», berichtet er. Die Höhe sei unterschiedlich. «Meist streben die Berater 10 bis 12 Prozent an, die Clubs wollen nur 6 bis 9 Prozent zahlen. Dann trifft man sich irgendwo.»
Laut Neubauer und Baumgarten plädieren für mehr Transparenz, sehen aber eine Mitschuld der Vereine. «Man kann sich von Clubseite nicht über Berater beklagen und dann nichts dagegen tun», betonte Neubauer. Ähnlich sieht es Baumgarten: «Es gibt klare Regeln, dass Vereine nicht mit nicht-lizenzierten Beratern verhandeln dürfen. Aber viele lassen sich darauf ein. Man kann nur dann unerlaubten Dinge tun, wenn auf Vereinsseite auch ein schwarzes Schaf sitzt und mitmacht. Auf der einen Seite ist es Bestechung, auf der anderen Untreue.»
Mit einer von Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp angeregten Gebührenordnung wie bei Architekten könnte die DFVV sich anfreunden. «Allerdings gibt es immer Schlupflöcher», meinte Baumgarten. DFB und die DFL sieht er in der Pflicht. «Sie müssen diesen Dingen nachgehen, Betrügereien und Verstöße konsequent verfolgen und ahnden.» Für Hieronymus geht es bei den Lösungsvorschlägen auch um die Frage, «ob Berater nicht von denen bezahlt werden sollten, die ihre Leistungen empfangen. Und das sind doch meistens die Spieler.»
dpa
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